Asperger-Syndrom [Autismus]

Synonyme
ICD-Code

Asperger-Autismus
F84.5

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Generalisierte Angststörung und Asperger-Autismus - mein langer Weg zur Diagnose
Ich kann mich offen gestanden an keine Zeit erinnern, wo ich nicht mit Ängsten zu kämpfen hatte, die mein Leben bestimmt haben. Als ich drei Jahre alt war, hatte unser Nachbar einen Hund in Pflege und es reichte schon, dass er plötzlich anfing zu bellen, als ich ihn streicheln wollte, um mich bis heute (ich bin jetzt 29) mit einer sehr ausgeprägten Kynophobie (Angst vor Hunden) zu strafen. Daraus wurde dann bald eine ausgewachsene Agoraphobie (Platzangst), weil schon die Möglichkeit, einem Hund zu begegnen, mich davon abhielt, das Haus zu verlassen. Meine Großmutter hatte zudem eine Ailurophobie (Angst vor Katzen), die so ausgeprägt war, dass ich sogar die Katzen in meinen Bilderbüchern abkleben musste, wenn sie zu Besuch war. Seit ich vor einigen Jahren ein Wespennest in der Zimmerdecke hatte, gehe ich bei allem Stiften, was mehr als zwei Beine oder Federn hat.

Die Schule war für mich ein einziges Grauen. Mein erster Therapeut meinte einmal, ich würde nicht zur Schule gehen, sondern in den Krieg ziehen, denn jeder Schultag war ein Spießrutenlauf. Wenn man als völlig unsportlicher, aber ansonsten leistungsstarker Schüler in einer Klasse voller Sportasse sitzt, ist das Mobbing wohl mehr oder weniger vorprogrammiert. Obgleich ich viel zu faul dafür war, galt ich bei meinen Mitschülern als Streber und das haben sie mich tagtäglich spüren lassen, denn körperlich war ich ihnen weit unterlegen. Im Grunde also der Klassiker: übergewichtiger Nerd mit Brille, der zum Prügelknaben auserkoren wird.

Ab der zehnten Klasse litt ich zunehmend an psychosomatischen Beschwerden. Erst Kopfschmerzen und dann ein zunächst als Infekt fehldiagnostizierter Reizdarm, der seither meinen Tagesablauf diktiert. Mit dem Wechsel in die Oberstufe setzten im Unterricht Panikattacken ein. Oder sagen wir lieber: ich hielt es damals für Panikattacken, bin mir heute aber nicht mehr so sicher. Ich wusste nur eines mit Sicherheit: Nie wieder würde ich einen Fuß in diese Schule setzen können. Die bloße Vorstellung löste Todesängste bei mir aus. Mein alter Therapeut, bei dem ich mal wegen meiner Kynophobie in Behandlung war, gab nach wenigen Sitzungen auf und erklärte, er könne einer so ausgewachsenen, umfassenden Angststörung mit einer Stunde Gesprächstherapie in der Woche nicht einmal ansatzweise Herr werden. Meine Mutter nahm mich zu ihrer Neurologin mit, die mir zwar gerne sofort angstlösende Antidepressiva verschrieben hätte, es aber nicht durfte, weil ich erst 16 und nicht 18 war und die Medikamente für Minderjährige nicht zugelassen waren.

Also ging es zum damals einzigen Kinder- und Jugendpsychiater in der Stadt, damit der mir Citalopram verschreiben konnte. Auf die Schilderung meines Problems reagierte er mit einer Äußerung, die ich nie vergessen werde: „Das geht so nicht! Du bist schulpflichtig!“ Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, was ich heute als das Grundübel der gesamten Psychiatrie und Psychologie betrachte: Es geht nicht darum, dass es den Patienten besser gehen soll, sondern darum, dass sie funktionieren. Auf den Rat jenes Psychiaters zu hören und auf Drängen meiner natürlich verzweifelten Eltern hin, einer stationären Behandlung zuzustimmen, obgleich meine innere Stimme mir schon damals sagte, dass es ein fataler Fehler war, hat – sofern nicht noch irgendein Wunder passiert – mit ziemlicher Sicherheit mein Leben zerstört. Meine Zustimmung war natürlich eine einzige Farce, denn mit 16 Jahren hat man nicht zu entscheiden, ob man sich in eine stationäre Behandlung begibt oder nicht. Verzweifelt wie sie waren, hörten meine Eltern auf die Psychiater und Therapeuten in der Klinik, die all meine Ablehnung auf die Generalisierte Angststörung schoben und diese Diagnose in den zunächst drei und später noch einmal acht Wochen in der Klinik nie hinterfragten. Genau das mache ich diesen Therapeuten, die sich allenfalls eine Stunde in der Woche direkt mit mir befassten, auch zum Vorwurf. Wozu steht man acht Wochen lang 24/7 unter Beobachtung, wenn es ein Team von Therapeuten, nicht schafft, die heute feststehende, richtige Diagnose zu treffen: Asperger-Autismus! Deshalb sagte ich auch, dass ich mir bezüglich der Panikattacken nicht so ganz sicher bin, denn vermutlich waren es Overloads, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte.

Die Generalisierte Angststörung, die ich zweifelsohne habe, ist also eine komorbide Störung, die sich rückblickend durch den Klinikaufenthalt um ein Vielfaches verschlimmert hat. Denn in der Klinik wurde ich nicht behandelt oder gar geheilt, sondern gebrochen und konditioniert. Ich wurde gezwungen meine Ängste zu überwinden, indem man mir mit Bestrafungen drohte, vor denen meine Angst noch größer war. Die Medikamente, die ich seit Monaten im Bedarfsfall nahm, um meinen Reizdarm halbwegs unter Kontrolle halten zu können, nahm man mir weg. Ich nutzte die ständigen Besorgungstouren, auf die man mich schickte, um meine Agoraphobie abzubauen, um mir heimlich in der Apotheke selbst Lopedium zu besorgen und es ohne Wissen der Therapeuten einzunehmen, weil ich sonst all das, wozu ich gezwungen wurde, körperlich nicht hätte leisten können. Von dem Zwang dieses Zeug quasi prophylaktisch einnehmen zu müssen, bin ich nie wieder weg gekommen. Aber ein Vertrauensverhältnis zu den Therapeuten, was ja eigentlich die Voraussetzung für eine Therapie bildet, war überhaupt nicht möglich, denn das waren nicht meine Unterstützer, sondern meine Folterer, die nur zum Ziel hatten, mich wieder schulfähig zu machen, ganz gleich wie es mir dabei ging. Auf einer Flipchart waren bei der Aufnahme „meine Ziele“ festgehalten worden. Von den etwa fünfzehn Punkten auf dieser Liste hatte ich zwei beigesteuert. Die übrigen wurden von der Therapeutin während des Gesprächs mit meinen Eltern als „meine Ziele“ festgelegt und mir anschließend als Absprache mit mir verkauft.

Hätten die Leute in der Klinik den Asperger-Autismus denn erkennen können, werden Sie sich jetzt fragen? Nun, die leitende Therapeutin bemerkte schon früh, meine uneindeutige Körpersprache. Sie sah das nicht als Symptom, sondern warf mir vor, ich könne nicht erwarten, dass andere wissen, dass es mir schlecht ginge, wenn man es nicht sehen könne. Ich hätte meine uneindeutige Körpersprache gefälligst abzustellen. Eine der Betreuerinnen hielt mir hingegen vor, ich würde zu oft sagen, dass es mir nicht gut ginge, und wäre nur am jammern. Es wurde auch ein IQ-Test gemacht, bei dem alle Werte weit überdurchschnittlich waren – mit einer entscheidenden Ausnahme: alles, was mit sozialer Interaktion und situativem Kontext zusammenhing, ließ den Grafen ins Bodenlose stürzen. Also ja, die Anzeichen für einen Anfangsverdacht waren offenkundig da und hätten erkannt werden müssen.
Als ich entlassen worden war, wechselte ich auf eine integrative Gesamtschule und machte nach diesem einen Jahr der Pause, die ich bei Ärzten, Therapeuten und in der Klinik verbracht hatte, mein Abitur, mit dem ich seither rein gar nichts anfangen konnte, denn nach den drei Jahren, in denen ich mich mit Unterstützung meiner Eltern und Lehrer durch die Oberstufe gekämpft hatte, war ich endgültig am Ende.
In meine Oberstufenzeit fiel dann auch ein sehr schlimmer Magendarminfekt, der fünf Wochen anhielt und an dessen Ende ich statt über 100kg nur noch etwa 55kg wog. Seither habe ich eine ausgeprägte Mysophobie (Ansteckungsphobie), essen nur noch zuhause und nur ganz bestimmte Lebensmittel zu bestimmten Zeiten, weil ich Angst habe, wieder Durchfall zu bekommen.

Therapieversuche habe ich zwischen dem Klinikaufenthalt und der Autismusdiagnose noch so einige unternommen – alle erfolglos, was wohl einerseits an der falschen bzw. unvollständigen Diagnose gelegen haben mag, aber andererseits auch an meinem Mangel an Vertrauen zu den Therapeuten und Ärzten, denn seit der stationären Behandlung brauche ich Monate, bis ich mich einem Menschen wirklich öffnen kann und selbst dann traue ich ihm nicht gänzlich über den Weg.

Mein Neurologe hat mich irgendwann zumindest überredet, von Citalopram zu Paroxetin zu wechseln. Ob es hilft? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht, weil ich es schon so lange nehme, dass es schwer ist, festzustellen, wie es ohne wäre. Vermutlich wäre ich noch depressiver, ängstlicher und nervöser, wenn ich es nicht hätte. Als Bedarfsmedikation nehme ich öfters Promethazin und halt für meinen Reizdarm Lopedium, damit ich mich überhaupt mal vor die Tür traue. Allerdings bin ich so von Ängsten und Selbstzweifeln zerfressen, dass ich alleine nicht lebensfähig wäre.
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