Erfahrungsbericht: 42 Jahre mit Diabetes Typ 1

Tags
ICD-Code

Ohnmacht, Diabetes Typ 1, Blutzucker, Zuckerkrankheit, Insulinmangel, Autoimmunerkrankung, Insulin, Diabetes mellitus, Erfahrungsbericht
E10.-

Mit meiner Zuckerkrankheit hat es im Alter von 9 Jahren angefangen. Später als ich erwachsen war, haben mir die Ärzte erklärt, dass ein Krankheitsbeginn des sogenannten Diabetes Typ 1 im frühen Kindes- oder Jugendalter gar nicht untypisch ist. Denn jenseits der Altersgrenze von 35 Jahren erkranken daran nur ganz vereinzelt Menschen. Ich selbst kann mich gar nicht mehr dran erinnern, aber meine Mutter hat mir von diesem entscheidenden Tag erzählt, der mein Leben für immer verändern sollte. Ich machte mich wie jeden Tag fertig für die Schule und meine Mutter berichtete, dass zu diesem Zeitpunkt wohl noch alles in Ordnung gewesen ist.

Kurz nachdem ich die Wohnung verlassen hatte, gibt es wie eine Art Filmriss. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, ohnmächtig geworden zu sein, was jedoch, wie sich später herausstellte, eine direkte Folge der Zuckerkrankheit war, unter der ich zu diesem Zeitpunkt bereits länger gelitten haben muss. In den Tagen zuvor war meinen Eltern allerdings aufgefallen, dass ich sehr durstig war und auch sehr oft Wasserlassen musste. Alles schon typische Symptome für einen Diabetes mellitus. Die plötzliche Ohnmacht im Alter von 9 Jahren wurde ausgelöst durch eine chronische Überzuckerung, hervorgerufen durch absoluten Insulinmangel. Beim Diabetes Typ 1 ist es nämlich so, dass die Bauchspeicheldrüse nahezu überhaupt kein Insulin mehr produziert.

Der Krankenhausarzt gab meinen Eltern schon kurz nach meiner Einlieferung unmissverständlich zu verstehen, dass ich wohl unter der Zuckerkrankheit leide. Damals zu Beginn der 1980er Jahre waren die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten noch nicht so ausgereift wie heutzutage. Deshalb waren die Ärzte, was meine weitere Lebensqualität angeht, auch eher pessimistisch. Natürlich habe ich auch heute immer noch Diabetes, durch die Fortschritte der Medizin auf diesem Gebiet kann ich aber ein nahezu normales Leben führen, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Was mich als Kind und Jugendlicher am meisten genervt hat, war das ständige Messen des Blutzuckers an den Fingerkuppen.

Diese Prozedur musste mindestens dreimal am Tag durchgeführt werden und zusätzlich noch einmal vor jeder Mahlzeit, was wirklich sehr lästig war und mit der Zeit auch immer mehr weh tat. Dennoch war ich als Kind und Heranwachsender äußerst diszipliniert in dieser Angelegenheit und mein Hausarzt ist heute noch der Meinung, dass diese Disziplin mich letztendlich vor gefährlichen Spätfolgen der Zuckerkrankheit, wie beispielsweise irreversible Schäden an Augen oder Nieren, weitgehend bewahrt hat. Immerhin konnte ich während meinen Klinikaufenthalten auch gleichaltrige Leidensgenossen kennenlernen, von denen ich später erfahren habe, dass sie bereits verstorben waren.

Heute bin ich 42 Jahre, gehe ganz normal 8 Stunden am Tag ins Büro arbeiten und habe sogar geheiratet und eine Familie gegründet. Natürlich habe ich und meine Frau die Angst, dass auch eins meiner Kinder vom Diabetes Typ 1 betroffen sein könnte. Denn trotz meiner vielen Schulungen zu diesem Thema ist es auch heute noch so, dass die Medizin, was die genaue Ursache von Diabetes Typ 1 angeht, immer noch weitgehend im Dunkeln tappt. Es werden zwar verschiedene Theorien diskutiert, aber was letztendlich tatsächlich dazu führt, dass die Insulinproduktion in den sogenannten Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse versiegt, ist nach wie vor unbekannt. Für mich die plausibelste Theorie besteht darin, dass es sich beim Diabetes Typ 1 um eine sogenannte Autoimmunerkrankung handelt, der Organismus also aus unbekannten Gründen die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Es sind zwei Dinge, die mein Leben als Diabetiker heute lebenswert machen.

Zum einen habe ich jetzt seit fünf Jahren einen sogenannten Insulinpumpe mit implantierten Sensor, welcher den Blutzuckerspiegel automatisch misst und immer genau die Dosis an Insulin an den Blutkreislauf abgibt, die erforderlich ist. Natürlich arbeitet diese Pumpe nicht wie eine richtige Bauchspeicheldrüse, sorgt aber dennoch zuverlässig dafür, dass es weder zu einer Unter- noch eine Überzuckerung kommt, beides Krankheitszustände, die lebensbedrohlich sein können. Die andere Innovation ist ein transkutanes Messsystem, das ich zusätzlich einsetze, um jederzeit unblutig meinen Blutzuckerspiegel messen zu können. Meine größte Angst ist die vor möglichen irreversiblen Spätschäden in Form von Nervenschädigungen oder Beeinträchtigungen innerer Organe. Doch die weiteren Innovationen in der Diabetesmedizin machen mir Hoffnung, dass durch diese unheilbare Krankheit meine Lebenserwartung im Vergleich zu stoffwechselgesunden Personen nicht unbedingt eingeschränkt ist.