Essentieller Tremor nach Operation - ein Erfahrungsbericht

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ICD-Code

G25.0

Es begann 1996 in meinem 50. Lebensjahr nach einer größeren Operation. Zuerst dachte ich, dass es Folgen der Operation sind und es wieder vergehen würde. Anzeichen war ein leichtes Zittern der rechten Hand beim Halten eines Blattes, Bleistift u.ä., Glas, Tasse und Besteck. Mein Hausarzt überwies mich an den Neurologen, der einen diskreten Ruhetremor diagnostizierte und eine Parkinsonerkrankung ausschloss. Als Therapie empfahl er einen niedrig dosierten Betablocker, was ich jedoch ablehnte. Ich hatte Hoffnung, dass sich das Ganze wieder normalisieren würde.

Dem war leider nicht so. Im Gegenteil, der Tremor verstärkte sich langsam aber sicher und behinderte mich immer mehr. Ich war berufstätig und merkte, dass in Stresssituationen das Zittern stärker wurde. Auch wenn Hektik auf kam und ich rasch etwas zu Ende bringen musste. Inzwischen hatte ich auch beim Essen Probleme. Oft zitterte die Hand so stark, dass flüssigere Speisen vom Löffel bzw. von der Gabel fielen. Innerhalb der Familie belastete mich dies nicht so stark. Restaurantbesuche oder Essen bei Bekannten vermied ich dagegen nach Möglichkeit. Regelmäßige Besuche beim Neurologen ergaben nicht viel Neues. Inzwischen ging er von einem verstärkten physiologischen und essentiellen Tremor aus und meinte, dass dies zahlreiche "ältere Leute" hätten. Wieder empfahl er Betablocker, sagte jedoch dazu, dass diese nur wirken solange sie eingenommen werden. Bei Absetzen ist wieder der vorherige Zustand da. Ich lehnte auch diesmal ab.

2008 hatte ich eine Krebsoperation, nach der das Zittern sehr ausgeprägt war. Bis dahin war mir niemand mit diesen Symptomen begegne. Doch in der Reha traf ich eine Frau im Alter von 75 Jahren. Sie saß bei mir am Tisch und sagte schon bei der ersten Mahlzeit zu mir: "Aha, Sie haben also auch diese Alterszittern." Ich schaute sie erstaunt an und sie meinte: "Ich habe das schon seit 20 Jahren und es wird von Jahr zu Jahr stärker." Schöne Aussichten, dachte ich noch. Allerdings wurde mein Zittern nach einigen Wochen wieder etwas besser, aber es behinderte mich trotzdem immer mehr. Außerdem war inzwischen auch die linke Hand betroffen und es zog sich bis in die Arme. Ich stellte fest, dass es nach jeder Nachsorge-Untersuchung wieder schlimmer wurde, was ich auf die jeweilige kurze Narkose schob.

Aufgrund der Krebsoperation konnte ich einige Monate später in Rente gehen. Ich hoffte, dass bei weniger Stress und Hektik sich das Zittern bessern würde. Leider war es nicht so, denn es wurde kontinuierlich stärker. Neben den schon geschilderten Situationen in denen ich mich stark behindert fühlte, kamen nach und nach weitere dazu. Das Schreiben fiel mir immer schwerer, die Schrift wurde krakelig, beim Nähen konnte ich den Faden kaum einfädeln. Überhaupt, feinmotorische Arbeiten wurden immer schwieriger. Auch nach längeren Belastungen der Hände, wie etwa Unkraut jäten oder die Einkaufstasche tragen, war das Zittern anschließend wieder für Tage sehr viel stärker. Regelmäßige neurologische Untersuchungen bestätigten die ursprüngliche Diagnose: Verstärkter physiologischer und essentieller Tremor. Betablocker wären das Mittel der Wahl, doch die konnte ich wegen meines inzwischen niedrigen Blutdruckes nun nicht nehmen.

2017 hatte ich eine weitere Operation und seither ist alles noch viel stärker. Einige Wochen war es so schlimm, dass ich nur noch feste Speisen essen konnte. Alles fiel mir von Löffel und Gabel, so stark war das Zittern. Es besserte sich etwas, sodass ich heute in guten Momenten mit Messer und Gabel, etwas zittrig, essen kann. Bei Suppe ist es ganz schlimm, die esse ich nur noch zuhause. Tassen und Gläser muss ich mit beiden Händen halten und trotzdem kleckerte ich oft. Inzwischen vermeide ich Restaurantbesuche und das Essen und Trinken im Beisein von Fremden. Leider schränkt das mein Sozialleben sehr ein.

Demnächst steht wieder eine Untersuchung beim Neurologen an. Ich werde mit ihm und meinem Hausarzt besprechen, ob es nicht möglich ist, die Einnahme der Betablocker wenigstens einmal zu testen.